Die Erfindung der Namenstassen

…und warum sie erst im 20. Jahrhundert auftauchte

Porzellanmalerei Petschky: Die geniale Idee meines Urgroßvaters

Namenstassen aus Porzellan gibt es noch nicht lange. Sie kamen, zumindest in größeren Umfang, erst in den 1920iger Jahren auf.
Vorher, also bevor mein Urgroßvater und Manufakturgründer Friedrich Petschky in Arzberg die ersten Namenstassen aus Porzellan auf den Markt brachte, habe ich keine Belege für die Existenz von Namenstassen gefunden. Es gab im Bildungsbürgertum (und natürlich bereits vorher beim Adel) extra angefertigtes Geschirr mit Initialen. Auch wurden Bierkrüge und andere Trinkgefäße aus Glas oder Zinn mit Namen oder Wappen verziert. Aber Porzellantassen, die mit den Namen einer Person beschriftet waren, sind mir bislang nicht untergekommen.

Zugang zur Porzellanmalerei Friedrich Petschky am Hammerweg Arzberg

Zugang zur Porzellanmalerei Friedrich Petschky am Hammerweg in Arzberg

ritz Petschky als junger Mann in Arzberg um 1910

Fritz Petschky als junger Mann in Arzberg um 1910

Haus von Friedrich Petschky am Hammerweg Arzberg

Der Hammerweg in Arzberg, Gebäude mit der Porzellanmunfaktur Petschky

Individualität als Grundlage für die Erfindung der Namenstasse: Das Bürgertum

Dass diese Tassen mit Namenszug erst so spät auf den Markt kamen, hat Gründe. Um ein Produkt zu verkaufen, braucht es eine Käuferschicht.

Im Fall der Namenstassen heißt das, dass Menschen lesen können mussten, denn sonst ist eine beschriftete Tasse relativ sinnlos. Eine Namenstasse aus Porzellan war zu dieser Zeit ein Luxusgegenstand und relativ teuer. Sie war nicht etwa als ein Geschenk für kleine Kinder oder für den täglichen Gebrauch gedacht. Namenstassen wurden früher bevorzugt zur Firmung verschenkt. Aber auch zu einem Geburtstag waren sie in den 1920er Jahren ein wertvolles Geschenk. In Gegenden, in denen der Namenstag eine wichtige Bedeutung hatte, wurden zu diesem Anlass Namenstassen verschenkt.

Diese Tassen waren nicht für das Frühstück, sondern als Schaustück gedacht. Wie auch die teilweise reich verzierten Porzellanpokale. Als besondere Geschenke wurden sie gerne in der Vitrine mit ausgesuchten, anderen Ziergegenständen zur Schau gestellt.

Zu besonderen Anlässen kam das Gedeck mit Namenstasse aber auch auf den Tisch. Wie auch das „gute Service“ oder Sonntagsservice und die früher heißgeliebten Sammeltassen.

Pokale und Zierteller in der Vitrine eines Bauernhause, Freiluftmusseum bei Nabburg

Pokale (Mazagranbecher) und Zierteller mit Patenwidmung in der Vitrine eines Bauernhauses, Freiluftmuseum bei Nabburg

Porzellanfigur Hutschenreuther Art Deco

Auch gerne gesehen in der Vitrine: Art Deco Porzellanfigur Hutschenreuther Art

Porzellanstand Stuttgarter Weihnachtsmarkt DurchbruchporzellanPlanie 90iger Jahre

Durchbruchporzellan für die Vitrine: Teller und Schalen mit floralen oder Tiermotiven aus den späten 1980iger Jahren.

Geschenkartikel Namenstasse – ein Schaustück für die Vitrine

Im Gegensatz zu heute, wo sich viele Leute ihre eigenen Namenstasse für zu Hause oder das Büro anschaffen, waren diese Tassen mit Namen damals ein reiner Geschenkartikel. Jede dieser frühen Namenstassen wurden in der Porzellanmalerei Petschky extra auf Bestellung angefertigt – anstatt der weniger persönlichen Patenpokale mit 250 bis 300 ml Inhalt. Von denen unterschieden sich die Tassen auch in der Größe. Die ersten Namenstassen waren von der Form her breit, klassische Porzellantassen. Zu diesen gab es auch Unterteller und Kuchenteller.

Das Gedeck konnte bei besonderen Anlässen auch bestimmungsgemäß genutzt werden, während Geschenkpokale eher reine Schaustücke waren. Sie wurden meist nur in Cafés verwendet – für den Mazagran oder Masagran. So hieß ein Mischgetränk aus kaltem Kaffee, der mit Alkohol, meist Rum, versetzt wurde. Der Name leitet sich wahrscheinlich von der algerischen Stadt Mazagran ab, von der Soldaten der französischen Fremdenlegion diese Bezeichnung und die Zubereitungsart mit nach Frankreich brachten. Noch heute werden die Becher in Pokalform als Mazagranbecher bezeichnet, zumindest in der Porzellanindustrie.

Historische Porzellanpokale mit Widmungen im Freilandmuseum Oberpfalz bei Nabburg

Mehrere Pokale, sogenannnte Mazagranbecher und Zierteller in der Vitrine eines Bauernhauses im Freiluftmuseum bei Nabburg

Artikel Abendzeitung München über Auerdult vom 25. -26. August 1975

Ein Artikel über meine Oma und unsere Namenstassen in der Abendzeitung München 1975 – mit dem berüchtigten Dult-Regen im Hintergrund

Porzellanstand Stuttgarter Weihnachtsmarkt Namenstasse mit roter Schrift und Körbchen

Porzellanstand Stuttgarter Weihnachtsmarkt: Namenstassen mit roter Schrift und Körbchenrelief (unten) im Verkaufsdisplay.

Vitrinen im bürgerlichen Wohnzimmer: Die natürliche Umgebung der ersten Namenstassen

Für ein Schaustück wie solche beschrifteten Becher, Teller und Namenstassen brauchte es auch eine Vitrine, in der diese Porzellanstücke zur Schau gestellt werden konnten. Solche Möbelstücke gab es in jedem gut situierten Haushalt, namentlich im Bürgertum oder bei den reicheren Bauern. Schon die beengten Platzverhältnisse in den Wohnungen der meisten Arbeiter ließen das Aufstellen einer Vitrine gar nicht zu – wenn sich die Bewohner so ein Möbel überhaupt hätten leisten können oder wollen. Daher waren Namenstassen aus Porzellan in den frühen Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts eine exklusive Sache – und eine Geschäftsidee, von der die Porzellanmalerei Petschky und bis heute ihre Nachfolgerfirma „Porzellan im Hinterhof“ profitierten.

 

 Eine kleine Bildergalerie historischer Namenstassen von Porzellan im Hinterhof

Namenstasse: Modelle im Zeitverlauf

Unsere älteste Porzellan-Namenstasse:“Censi“

Diese Namenstasse aus Porzellan gleicht der aus der ersten Produktion der Manufaktur meines Urgroßvaters Georg Petschky am Hammerweg in Arzberg. Die ersten Namentassen waren aber in Gold geschrieben und verziert.
Georg Petschky war damals unter anderem Lieferant für große Kaufhäuser, z. B. in Berlin und exportierte aufwendige goldgefaßte Porzellan-Service in den Nahen Osten. Die Namenstasse hatte die Größe einer normalen Porzellan-Kaffeetasse, war handgemalt und mit Verzierungen versehen. Größere Porzellanbecher mit Namen waren als Geschenk noch verpönt, sie galten als „proletarisch“. Die Porzellanmalerei war in der Manufaktur meines Großvaters eine wichtige Abteilung, denn damals wurden noch viele Verzierungen handgemalt. Die Porzellanmaler hatten eine eine zwei- bis dreijährige Ausbildung, die meist in den Malereiabteilungen der großen Porzellanfirmen absolviert wurde. Neben künstlerischen Fähigkeiten wurde besonderer Wert auf die Kenntnisse zur Chemie der Farben, ihre Verträglichkeit untereinander und viele Feinheiten in der Verarbeitung der Porzellanfarben gelegt.
Meine Großmutter hatte eine der originalen Porzellantassen mit Namen in der ehemaligen Manufaktur ihres Vaters gefunden. Die Idee mit den Namenstassen gefiel ihr. Sie suchte sich einen Porzellanmaler, um die Produktion der Namenstasse wieder zu starten. Ursprünglich entwickelte sich die Namenstasse aus der „Patentasse“. Es war üblich, den Patenkindern Becher zu bestimmten Anlässen zu schenken. Statt der allgemeinen Aufschrift „Dem lieben Patenkinde“ konnte man bei ihm die Tassen mit Namen bestellen. Das wurde gerne angenommen und nach 1947 ging seine Tochter Katharina dann wieder mit den Porzellan-Namenstassen auf Märkte.

Porzellan Namenstasse „Magdalene“

Diese Namenstasse stammt aus den späten fünfziger Jahren. Die Namenstassen wurde für meine Großmutter Katharina in einer Porzellanmanufaktur in Arzberg gemalt. Die Verzierungen fielen weg, da sie zu zeitraubend waren und es nicht mehr um Einzelbestellungen ging, sondern das gesamte Sortiment mit auf die Märkte genommen wurde. Schon damals bestand dieses aus über 300 Namen. Zu dieser Zeit war die Namensgebung noch traditioneller und die Auswahl damit schon enorm. Diese Namenstasse blieb über Jahrzehnte der Standard bei Namenstassen aus Porzellan.

Porzellan Namenstasse „Jörg“

Diese Namenstasse stammt aus den sechziger Jahren. Die Porzellantasse hat die gleiche Form wie die Tasse „Magdalene“, der Henkel hat sich aber verändert. Der alte Porzellanmaler hatte aufgehört und der neue gehörte nicht mehr der alten Schule von ausgebildeten Fachkräften an. Die Qualität der Schrift auf den Namenstassen veränderte sich drastisch – aber der Geschmack der Menschen ebenso. Diese legere Schrift passte zum Zeitgefühl und wurde gut angenommen, die Namenstassen blieben ein Renner auf den beschickten Märkten.

Porzellan Namensbecher „Blütenstiel“

Das ist die erste erhaltene Sonderanfertigung einer Namenstasse aus der Zeit nach 1960. Für eine Freundin meines Bruders angefertigt, hatte sich die Freundschaft erledigt, bevor die Namenstasse fertig war und so blieb dieses frühe Beispiel eines Bechers mit Namen bei uns. Grundlage bildete ein Porzellanbecher aus der Porzellanfabirk Schumann Arzberg. Sie läutete aber die Umstellung von der Tasse mit Namen zum großen Becher mit Namen ein, denn genau dieser Becher wurde dann weiter verwendet, als sich Schrift und Aussehen der Namenstasse dramatisch änderte.

Porzellan Namenstasse „Michl“

Dies war die zweite Generation von Namensbechern. In purpurrot beschriftet, mit Blütenmotiv und mehr als doppelt so groß wie eine normale Tasse entsprach sie dem Zeitgeist und wurde als große Namenstasse zum Verkaufsschlager in den 70igern. Ende der 80ziger Jahre wurde die Produktion dieser Namenstasse dannn wieder eingestellt – die klassische und für Porzellan typische Farbkombination weiß-blau hat den Vorzug erhalten und wurde weiter produziert.

Unsere neue klassische weiß-blaue Namenstasse aus Porzellan

Dieser Porzellanbecher wurde von uns ausgewählt, weil er eine ausgewogene Form mit einer großen Stabilität und einer gewissen Bruchfestigkeit verbindet. Die Schrift wurde auf Grundlage der alten Schriften auf den ersten Namenstassen entwickelt. Dieser Becher mit Namensaufdruck wird in dieser Ausführung seit über 30 Jahren vertrieben.